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Artikel aus dem Juliheft zum Probelesen

Aktive Ferien- und Lebensplanung

Als ich noch nass war, waren Ferien Zeiträume, in welchen ich noch zügelloser trank als sonst, da mir die Struktur des Arbeitsalltages fehlte. Mit der angeblich grenzenlosen Freiheit, dem Nichtstun und dem Nichtmüssen konnte ich nicht umgehen. Ich war dem Alkohol ergeben und konnte das Leben selbst dann nicht meistern, wenn es keine eigentlichen Aufgaben zu lösen gab. So führten Ferientage oft nicht zu Erholung und Entspannung, sondern zu Totalabstürzen und einer enttäuschten Familie.

Und heute trocken, wie verbringe ich jetzt meine Ferien? Auch in den Ferien kapituliere ich täglich im Sinne des ersten Schrittes vor dem Alkohol. Vergesse nicht, dass ich mein Leben so gestalten soll, dass ich es meistern kann. Trocken leben bedeutet für mich, eine aktive Lebensführung, mich nicht treiben und Entscheidungen durch andere treffen zu lassen. Im Alltag gehe ich ins Meeting, ich entscheide, in welchen Lokalen ich esse, oder Kaffee trinke, welche Anlässe ich besuche, mit welchen Menschen ich meine Freizeit verbringe. Es kommt mir nicht in den Sinn, nach der Arbeit mit einer Gruppe Kampftrinkern eine Bierschwemme aufzusuchen. Das gilt für mich auch in den Ferien! Ich lernte mit Hilfe der Schritte und der Meetings, dass ich, wenn ich trocken leben will, besser gewisse Dinge in meinem Leben ändere und weiss, was ich will, bevor ich handle.

Ich kann so gesehen sehr wohl in einem Weinbaugebiet Wanderferien machen und dort die körperliche Aktivität, die Landschaft und Kultur geniessen. Doch ich besichtige keine Weinkeller, sondern eine Kirche oder ein Schloss, während der Weinverkostung sitze ich in einem Café und geniesse ein feines Dessert. Ich mache keine Ferien mit mir unbekannten Gruppen, an Orten, die für ein ausschweifendes Nachtleben bekannt sind. Da ich es leid bin, Abende mit Menschen zu verbringen, die gerne viel trinken und sich entsprechend benehmen.

Ich achte darauf, dass ich immer eine Rückzugsmöglichkeit habe, um mich einer für mich ungünstigen Gruppendynamik entziehen zu können. In Gesellschaft sage ich, und nicht meine Partnerin, was ich trinken möchte, und begründe meine Wahl nicht mit Ausflüchten und Erklärungen. Ich verzichte auf farbige Fruchtcocktails und Süssspeisen, von welchen ich die Zusammensetzung nicht kenne. Drittpersonen und Hotelangestellte müssen nur wissen, dass ich keinen Alkohol konsumiere, weshalb und dass ich Alkoholiker bin gehört ins Meeting. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es für Personen, die keine so intensive Beziehung zu alkoholischen Getränken haben wie ich, nicht wichtig ist, was andere trinken oder nicht trinken. Nichtraucher erklären auch nicht, weshalb sie nicht rauchen! In den Ferien gilt für mich, noch mehr als sonst, da ich in einer fremden Umgebung bin, Achtsamkeit.

Um Ferien geniessen zu können, bereite ich mich vor. Die Fragen, wo und wann gibt es ein Meeting, welche Hotels und Restaurants hat es am Ferienort, nehmen wir besser eine Ferienwohnung als ein Hotel, wo hat es Rückzugsorte, was kann man unternehmen, kläre ich so gut es geht noch zu Hause. Ich achte auf mich und bin mir bewusst, wer ich bin, womit ich umgehen kann und womit nicht. Ich brauche keine Mutproben mehr, über Dinge, die ich nüchtern nie machen würde und gruppendynamische Erlebnisse, im Stil eines Kompanie- oder Feuerwehr-abends. Ich brauche den Mut, NEIN zu sagen und die Dynamik des Programms und der AA-Gruppen, welche man in den Ferienorten auch besuchen kann.

Ich wünsche uns allen den Mut, in den Ferien die Dinge zu ändern, die notwendig sind, damit wir diese geniessen können und gesund zurückkehren.

Hans Peter, St. Gallen

 


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