Anonyme Alkoholiker

irgendwo


Monatszeitschrift von Alkoholikern für Alkoholiker

Bestellen

Jahresabonnement (12 Ausgaben CHF 54.00)

Abonnements-Bestellung


Artikel aus dem Dezemberheft zum Probelesen

Auf dem richtigen Weg

Es geht wieder einmal, mit grossen Schritten, dem Jahresende entgegen. Auch beinahe am Jahresende, am zwölften Zwölften darf ich meinen AA-Geburtstag feiern. Der Dezember ist für mich die Zeit, in der ich Rückschau halte und mir diese und jene Gedanken mache. Meinen AA-Geburtstag geniesse ich still für mich und in diesem Jahr mit einem feinen Essen.

Wenn alles Laub gefallen und entsorgt, vielleicht schon der erste Schnee geräumt ist, dann wird es Zeit für die Inventuren. Ja, ich mache mehr als eine Inventur. Es macht mir aber Spass, wenn ich auf ein erfülltes Arbeitsjahr zurückblicken kann. Oft sehe ich auch, dass ich wieder einige Kleinigkeiten verändert habe. Es muss ja nicht immer etwas Grosses sein. Einige Menschen bedanken sich auch am Ende des Jahres für meine Arbeit als Hauswart. Ich sehe ein «Merci» auch als Beweis dafür, dass ich meine Aufgaben zur Zufriedenheit erledige.

Nach vielen trockenen Stunden habe ich aber nicht vergessen, mein Tun und Handeln auch kritisch zu betrachten. Dabei will ich mich aber nicht mehr selbst blossstellen, wie es früher einmal der Fall war.

Der vierte Schritt sollte gründlich und furchtlos sein, was beileibe nicht einfach ist. Im vierten Schritt bin ich oft ins Stocken geraten. Oft musste ich bei einem Thema unterbrechen, weil ich einfach nicht mehr weiterwusste. In den Meetings oder in der AA-Literatur fand ich aber meistens die Hilfe, die ich brauchte. Im vierten Schritt habe ich mich wirklich seelisch ausgezogen, um mich danach wieder neu zu finden. Im vierten Schritt habe ich sozusagen meinen Weg gesucht, um trocken zu bleiben und nüchtern zu werden. Mit diesem Schritt habe ich mir ein persönliches Standardprogramm gestaltet. Zwar bin ich nach meiner Inventur wieder rückfällig geworden. Doch ich konnte auf meine Inventur zurückgreifen und stellte fest, dass ich nicht gleich alles wieder über den Haufen schmeissen musste, es reichte aus, dass ich einige Korrekturen anbrachte. Seither hat es für viele vierundzwanzig Stunden gehalten.

Es ist schon wunderbar zu erfahren, wenn man schon nur ein «Muss» mit einem «Dürfen» ersetzt. Nur weil ich mich lange genug vor der Verantwortung gedrückt habe, habe ich meistens ja gesagt. Heute lege ich michauch oft auf ein klares Nein fest. Es geht mir darum, nicht wieder in alte Muster zu fallen. Viele meiner Schwächen sind nach wie vor in mir drin. Weil ich aber nicht mehr Alkohol trinke, kann ich vielleicht meine Schwächen in Stärken verwandeln oder es reicht schon, wenn ich mir meiner Schwächen bewusst bin. Auch habe ich mir ein grosses Ziel gesetzt.

Die Inventur am Jahresende zeigt mir auch auf, ob ich immer noch auf dem richtigen Weg bin. Doch ich mache auch eine tägliche Inventur. Oft mache ich die Inventur schon im Auto, wenn ich nach Hause fahre. Natürlich muss ich mich auf den Verkehr konzentrieren, es sind ja auch mehr Gefühle, die mich bei dieser Fahrt begleiten. Oft habe ich aber auch schon im nahen Wald eine Pause eingelegt. Ein kurzer Spaziergang in der schönen Landschaft hat mir schon oft gut getan.

Es gibt auch Tage, an denen ich wieder einmal mit Alkohol konfrontiert wurde. Da brauche ich für mich immer ein paar Minuten, um das Erlebte zu verarbeiten. Dann bedanke ich mich bei der Höheren Macht, weil ich die Kraft hatte, Nein zu sagen. Nach nun vielen vierundzwanzig Stunden läuft bei mir die tägliche Inventur verschieden ab. Manchmal reicht, so habe ich das Gefühl, schon der Gelassenheitsspruch und ein ehrliches Merci.

Gute vierundzwanzig Stunden wünscht euch

Bernhard

 


Literatur Übersicht