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Artikel aus dem Aprilheft zum Probelesen

Ostern 1963 – Die erste AA-Gruppe in Luzern

Jeden Dienstagabend traf sich im Hotel Waldstätterhof in Luzern eine Gruppe des schweizerischen Alkoholgegnerbundes zu einer Versammlung. Anwesend waren jeweils die Präsidentin (auf 2 Stühlen), ein vergeistigter Aktuar und einige Mitläufer, alles Leute, welche seit der Jugendzeit nie einen Tropfen Alkohol getrunken hatten.

Unten am Tisch, unter den gestrengen Augen der dicken Präsidentin lümmelten sich fünf Alkoholiker, vier Männer und eine Frau, welche absolut keine Beziehung zum Programm dieses Bundes hatten.

Oberstes Ziel dieses Bundes war die «Abschaffung» des Alkohols, sowohl in den Beizen wie auch in allen Verkaufsläden und an Kiosken. Regelmässig wurden Fachleute eingeladen, Ärzte, Sozialarbeiter, Krankenschwestern etc., welche ihre Referate zum Thema «Gefahren des Alkohols» herunterleierten und sich über die alkoholkranken Patienten beschwerten, welche absolut keinen Ansatz machten, mit dem Saufen aufzuhören und vor allem kontrollierten sie, ob die vom Spital zugewiesenen Leute auch an die Sitzung kamen. Zwar wurden jeweils am Anfang namentliche Anwesenheitskontrollen gemacht, jedoch trauten die Muttermilchalkoholiker den Säufern nicht über den Weg, und deshalb wurde über Erfolg oder Nichterfolg streng Statistik geführt um Ende Jahr einen Erfolg ausweisen zu können. Die fünf Alkoholiker waren alles erfolgreiche Absolventen einer 14-tägigen Kur im Kantonsspital Luzern mit abschliessendem Examen: Ein Bier auf Antabus. Die unweigerlich anschliessenden Probleme nahmen die Ärzte und Schwestern in Kauf und sagten nur: «Seht, so geht es, wenn man wieder säuft.»

Eines Abends brachte einer der Alkoholiker Namens Gusti ein Exemplar des «Reader’s Digest» mit, worin ein Artikel über AA in Deutschland zu lesen war mit einem Hinweis auf ein Treffen in Wiesbaden, ein sogenannter Round-up der Amerikaner.

Wie kleine Jungen, welche ihr erstes Pornoheftchen studierten, liessen wir diesen «Digest» in der Runde herumgehen, immer darauf bedacht, dass die dicke Präsidentin und die anderen Muttermilchalkoholiker davon nichts merkten. Nach der Versammlung trafen wir uns in einem Café und beschlossen, nach Wiesbaden zu fahren um zu sehen, was da los war. An einem Freitagabend fuhren wir los, die ganze Nacht hindurch und trafen am nächsten Tag gegen Mittag in Wiesbaden ein. Damals existierte noch keine Autobahn und der Weg war mühsam. Als wir die grosse Halle im Kongresszentrum betraten, fiel uns auf, dass sich hier etwa 500 Personen befanden, meist Amerikaner, also GI’s, welche wie verrückt vor sich hin qualmten und riesige Mengen Kaffee herunterschütteten.

Plötzlich stand einer von ihnen vor uns und sagte: «Hi, I am John and an Alcoholic, von wo seid Ihr?» Als wir ihm sagten, wir seien aus der Schweiz und hätten von diesem Treffen gelesen, rief er einem Fritz aus Karlsruhe und machte uns mit ihm bekannt. Von da an waren wir bestens aufgehoben, wie wenn wir in einer grossen Familie wären. Wir hörten viele Storys in den diversen Meetings und es war erschütternd, all dies Schicksale zu teilen.

Am Schluss des Treffens sagte uns Fritz: «Wenn ihr in Luzern eine Gruppe gründen wollt, kommen wir und helfen Euch und bringen Literatur mit». Wir umarmten uns gegenseitig und weinten vor Freude. Auf der Heimfahrt waren wir uns einig, dass diese AA etwas ist, was wir brauchten, glaubten aber nicht, dass die Deutschen bei uns auftauchen würden. Das wird so ein Stammtisch-Versprechen sein, wie wir es von unseren Beizen her kannten und bei welchen meistens nichts dahinter war.

Wieder zurück in Luzern suchten wir ein geeignetes Lokal und trafen uns immer am Mittwoch, um uns mit der wenigen Literatur und mit der Organisation einer Gruppe zu beschäftigen, gingen aber am Freitag immer noch brav und wie wenn nichts wäre in den Alkoholgegnerbund.  Im Frühling 1963 beschlossen wir, die Gruppe offiziell ins Leben zu rufen und tauften sie AA-Gruppe Pilatus, Luzern.

Wir teilten unsere Eröffnung den «Karlsruhern» mit und siehe da, am nächsten Mittwoch standen Fritz und fünf weitere Freunde vor der Türe und unser erstes richtiges Meeting konnte beginnen. Sie hatten einiges an Literatur aus dem Englischen übersetzt, welche sie uns erklärten. Wir hörten zum ersten Mal von den 12 Schritten, dass Alkoholismus eine Krankheit sei und dass wir versuchen sollten nur heute das erste Glas stehen zu lassen und dass wir nur für uns selber nüchtern bleiben sollten, nicht für oder wegen anderen Personen. Die deutschen Freunde kamen nun jeden Mittwoch bei Wind und Wetter, bei Regen und Schnee zu uns und bald beschlossen wir, nicht mehr in die Versammlung des Alkoholgegnerbundes zu gehen, sondern selber im Sinne der Zwölf Schritte zu arbeiten.

Wir machten natürlich viele Fehler, es gab Rückfälle und wir wollten schon aufgeben, da tauchte eines Abends ein Basler namens Bobby auf und erzählte uns, dass er den Artikel über AA auch gelesen habe und die Karlsruher ihm unsere Adresse durchgegeben hätten. Wenig später kam ein neuer Alkoholiker namens Ernst aus Zürich zu uns. Auch er wollte bei uns das nötige Wissen holen, damit er eine AA-Gruppe in Zürich vorbereiten konnte. Bald war das Jahr 1963 zu Ende und es bestanden meines Wissens in der deutschen Schweiz bereits drei oder sogar vier Gruppen.

Eines Tages hörten wir, es gebe in Genf auch eine AA-Gruppe, welche durch die UNO entstanden sei. Sofort versuchten wir mit diesen Leuten Kontakt aufzunehmen und siehe da, dort gab es schon seit geraumer Zeit AA und bereits mindestens eine Gruppe in Genf und eine in Lausanne.

Bobby, welcher durch die deutschen Freunde viel über AA gelernt hatte, schlug eines Tages vor, dass man alle diese schweizerischen Gruppen einmal einladen sollte, um so etwas wie eine Intergruppe zu gründen. Natürlich nahmen wir diesen Gedanken begeistert auf und hatten sofort viele Vorschläge. Als waschechte Alkoholiker wollten wir aber nicht nur ein wenig zusammensitzen, sondern ein möglichst grosses Fest in Form eines Kongresses veranstalten – mit der grossen Kelle anrichten. Dazu brauchte es Geld und nochmals Geld, etwas, was wir in unserem Kässeli nicht hatten. Also mussten wir betteln. Wir verfassten einen Brief, in welchem wir die Vorzüge von AA priesen und vor allem, was AA all den Alkoholikern und auch den Firmen in der Schweiz bringen könnte. Die notwendigen Statistiken hatten wir noch aus den Vorträgen des Alkoholgegnerbundes. Wir legten einen Einzahlungsschein bei und eröffneten ein Konto bei der Post in Luzern. Und tatsächlich kamen aus der ganzen Schweiz Beiträge, aus der Basler Chemie, aus der Maschinenbranche, von Verwaltungen und von Kantonen.

Wir beschlossen, den Kongress im Frühsommer in Luzern durchzuführen und reservierten den Saal in der Stadtbibliothek, und um den Freunden auch etwas bieten zu können, mieteten wir eines der schönen Dampfschiffe für eine Seerundfahrt.

Da wir unsere Gruppen wie einen Verein führten, war es ein leichtes, alle Freunde persönlich einzuladen. Zwei Tage vor dem geplanten Termin jedoch tauchten einige Freunde aus Deutschland, angeführt von Bobby, bei uns auf und schwenkten die 12 Traditionen. Sie machten uns auf einen grossen Fehler aufmerksam, nämlich dass wir mit unserer Bettelaktion gegen die «Siebte Tradition» verstossen hätten und verlangten, dass wir das Geld den Sponsoren zurückerstatteten. Nur – das  war nicht mehr vorhanden – 10‘000 Franken kostete allein das Dampfschiff, und es war unmöglich, diese Reservation so kurzfristig zu annullieren. Wir rangen uns schlussendlich zu einem Kompromiss durch und versprachen, den diversen Firmen Literatur im Gegenwert zukommen zu lassen mit einem Brief, in welchem wir auf unseren Fehler aufmerksam machten. Wir haben nie mehr etwas von der Geschichte gehört, haben jedoch für die Zukunft eine Lehre daraus gezogen und am Schlussabend konnten wir schon wieder darüber lachen. Die ganze Veranstaltung war ein Erfolg. Sogar die welschen Freunde waren angereist, sowie unsere deutschen Göttis, welche uns seinerzeit aus den Windeln gehoben hatten.

Ein ähnliches Ding war der seinerzeitige Kredit von 10'000 Franken, den die Zürcher-AA von «Freunden der AA» für Druckkosten von Literatur und für die Gründung einer Kontaktstelle in Zürich aufgenommen hatten. Dieser wurde dann später mit Mühe durch die Gruppen zurückbezahlt, wobei bei dieser Gelegenheit gerade auch noch die diversen Bankbüchlein bei den Gruppen aufgelöst wurden, bevor jemand damit das Weite suchen konnte. Vorgängig hatten wir noch am Samstag in Luzern eine Chairmenversammlung, an welcher das Thema «Geld» diskutiert wurde. Es ging hoch zu und her, wie immer, wenn es in AA ums Geld geht, sodass wir in Eile Hotelzimmer organisieren  und die Schlussabstimmung auf den Sonntag verschieben mussten. Ich habe später noch oft an diese verrückte Zeit zurückgedacht.

So nach und nach wurden immer mehr Gruppen gegründet, einige gingen wieder ein, aber AA wurde auch in der Schweiz ein Erfolg. Es tauchten die ersten Al-Anon Gruppen auf, Narkotiker eröffneten nach unserem Programm eigene Gruppen, nachdem sie vorerst bei uns schauten, wie es funktioniert, und schliesslich wurde auch im Tessin die erste Gruppe gegründet. Bobby aus Basel gründete in den letzten Jahren seines Lebens die Zeitschrift «irgendwo», welche uns bis heute, Gott sei Dank, erhalten blieb.

Leider lebt heute niemand mehr von den Luzerner Gründern, ich bin noch der einzige Überlebende. Nachdem ich aus beruflichen Gründen von Luzern nach Bern und später ins Tessin umziehen musste, war ich immer meiner höheren Macht dankbar, überall AA-Gruppen zu finden, welche mich voller Liebe und Herzlichkeit in ihren Reihen aufgenommen haben.

In AA-Verbundenheit  Kurt

 


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