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Artikel aus dem Januar zum Probelesen

Erleben – durchleben – überlebenben

Dysfuktionle Familie mit Gewalt, jahrelanger Missbrauch. Ich weiss noch gut, wie ich Schmerzmittel, andere Tabletten, Drogen und Alkohol entdeckte und erforschte und zu verwenden begann. Das Leben tat so weh. Und ich wusste nicht, wie es funktionieren sollte. Alkohol betäubte den Schmerz; die Einsamkeit und die Ratlosigkeit wurden kurzfristig egal. Heute weiss ich: Hätte ich damals nicht diese Hilfsmittel gehabt, hätte ich mich gleich umbringen müssen. Geredet habe ich ohnehin jahrelang davon. Mein Umfeld war das schon gewohnt. Aber wie leben wirklich gehen sollte, war mir ein Rätsel. Und als ich dann ein paar Jahre später samt Alkohol so weit war, dass es auch mit Alkohol nicht mehr weiterging, musste ich es endlich schlucken.

In diesem Zustand kam ich das erste Mal zu AA. Ich war vierundzwanzig Jahre alt, und mein Leben war schon lange vorbei. Aber irgendein Funke berührte mich in meinem ersten Meeting, obwohl ich ziemlich zugesoffen war. Ich ging mit Hoffnung heim. Ein Leben ohne Alkohol ist möglich. Diesen Gedankengang hatte ich bis dato noch nicht erlebt. Die paar Leute meines ersten Meetings lebten das, und es fühlte sich gut an. Diese Hoffnung zog mich immer wieder in diese Meetings. Auch der Gedanke: Das kann ja noch nicht alles gewesen sein!

Langsam erreichte ich den Zustand, wo nichts mehr ging. Ja, mit Alkohol, ohne Alkohol geht es einfach nicht mehr. Leben kann ich nicht und sterben auch noch nicht. Ich brauchte einige Monate, bis ich endlich trocken wurde. Ich hatte besoffen nicht gewusst, wie leben funktioniert; nun trocken wusste ich es genauso wenig. Ich war überfordert, ratlos und wäre gerne davongelaufen. Aber so wirklich klappte es ja nicht. Also, mich meinem Leben stellen, so gut ich es eben kann. Die erste Zeit war heftig: Angst, Panik, Depression, Verwirrung, Schuld, Zorn und Wut und noch mehr Gefühle ständig wie eine Hochschaubahn. Meine Hauptbeschäftigung war: Nicht saufen, nichts nehmen und einfach nur irgendwie überleben.

Die Kraft dazu holte ich mir jeden Tag aus den Meetings. Dort hörte ich auch, wie ein Leben funktionieren könnte. Es gab genug, die waren genauso zerrissen wie ich. Es gab aber auch Leute, die hatten Freude, Frieden und Sinn in ihrem Leben gefunden. Die hatten dieselben – manchmal auch schlimmere – Schwierigkeiten wie alle anderen in ihrem Leben. Aber irgendwie hatten sie eine Kraftquelle gefunden, die sie anders damit umgehen liess. Genau das wollte ich auch haben. Nur nicht saufen war mir einfach zu wenig. Für den Anfang sicher lebensnotwendig, aber sicher nicht die Lösung für mein Grundproblem. Diese Leute – das waren auch die, die von AA-Literatur und von zwölf Schritten redeten. So begann ich auch in diesen Büchern zu lesen.

Anfangs hatte ich massive Einschlafschwierigkeiten. Ich verbrachte viele Stunden mit dem Buch: «Trocken bleiben, nüchtern leben.» Ich war fahrig, nervös, verzweifelt und konnte mich nicht konzentrieren. Oft las ich einen Absatz mehrere Male, um nach ein paar Zeilen darauf zu kommen, dass ich vergessen hatte, was ich gerade gelesen hatte. Aber es half trotzdem: Ich wurde ruhiger, langsam auch klarer. Und irgendetwas blieb auch hängen in den Gehirnwindungen. Eines Tages bemerkte ich, wie ich in allen möglichen Lebenssituationen andere Ideen und Antworten bekam als früher. Plötzlich gab es Lösungen, wo früher nur Flucht und Selbstzerstörung gewesen war. Andererseits wurden mir mehr Zusammenhänge meiner Probleme bewusst.

Im Buch «Trocken bleiben – nüchtern leben» auf Seite 28 fand ich folgenden Satz: «Ist unser eigenes Leben interessant und produktiv, dann haben wir wirklich nicht nötig, bei anderen Fehler zu suchen und uns Gedanken über ihren Lebensstil zu machen.» Gerade durch solche Kapitel wie «Leben und leben lassen» wurde mir so schmerzhaft klar, dass ich einfach nicht leben konnte. Mein Sponsor hatte so noch dazu diesen blöden Spruch: «Die Umwelt als Spiegel.» So musste ich mir immer mehr eingestehen: Nicht immer sind die anderen Feinde, blöd oder sonst was, sondern ich habe gerade ein Problem mit mir und meinem Leben. Natürlich gibts auch viele Menschen, die auch beschädigt sind. Daran erinnert mich ja auch das Blaue Buch auf Seite 77: «Das war unser Weg: Wir hielten uns vor Augen, dass die Menschen, die uns Unrecht taten, vielleicht seelisch krank waren.» Diese Stelle hat mir immer sehr geholfen, aus meiner ichbezogenen Sicht einen Schritt heraus zu treten. Wenn Menschen sind, wie sie eben sind, sag ich mir immer wieder: Ich hab nicht das Monopol zum deppert (krank, dumm und beschädigt) zu sein.

Auch das Gebet von Franz von Assisi hilft, eine neue Lebensorientierung zu finden. Schon im Buch «Trocken bleiben, nüchtern leben» steht auf Seite 26: «Für unsere Genesung ist es viel wichtiger, zu verstehen, als verstanden zu werden.»

Beim dritten Schritt im Buch «Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen» wird darauf hingewiesen, dass die Wirkungskraft des AA-Programms damit steht und fällt, inwieweit wir versuchen, diesen dritten Schritt in unserem Leben umzusetzen. So ist es auch mit dem «Leben und leben lassen». Wenn heute in mir etwas anfängt, an meiner Umgebung und den Mitmenschen rumzumäkeln, frage ich mich gleich: Was ist los mit mir und meinem Gottvertrauen? Also Besserwisserei und Kritiksucht hat schon was mit mir zu tun. Ich mache mir bewusst, dass Gott schon weiss, was er tut. Wenn er in der Lage ist, das ganze Universum in Schwung zu halten, kann ich darauf vertrauen, dass auch die vielen Kleinigkeiten gottgewollt sind, die meinem Ego vielleicht gerade nicht in den Kram passen. Und wenn ich mich dann wieder entscheide, ihm das alles anzuvertrauen, kann ich mich innerlich schmunzelnd wieder zurücklehnen. Humor und Liebe kommen zurück in mein Leben, und ich denke mir dann: «Menschen sind nun mal verschieden. Der liebe Gott hat schon einen bunten Garten.»

Habt eine wertvolle Zeit,

Christian, Alkoholiker, Österreich


Inhaltsverzeichnis des aktuellen Heftes

 3   Leben und leben lassen – ein heilsamer Spruch                                     Peter
 4   Erleben – durchleben – überleben                                     Christian, Österreich
 6   Mein Gegenüber ist auch nur ein Mensch                     René, Gruppe Zurzach
 6   AA-Geburtstage Geburtstagskinder
 7   Mit Humor geht alles leichter                                               Hans-Jürgen, Basel
 9   «Live and Let Live»                                                                                   Eduard
10   Leben und leben lassen – wie einfach sich das liest                               Maja
13   AA ist eine Lebensschule                                                               Sepp, Baden
14   Es gibt sehr viel Übungsmaterial                                   Hertha, Baden b. Wien
15   Mein Leben hat eine andere Qualität bekommen                               Bernhard
17   Die 180°-Kehrtwende                                                                         Ruth, Basel
18   «Spiritus contra Spiritum»                             Brief von C.G. Jung an Bill Wilson
19   Der erste Schritt                                                                               Fritz, Wattwil

 


Literatur Übersicht