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Artikel aus dem Septemberheft zum Probelesen

... und auf drei zählen!

Zu der Zeit, als ich am Programm der Berner Gesundheit teilnahm, erschien es mir hilfreich. Meine Frau fand schon seit Langem, dass mein Alkoholkonsum zu hoch sei. Um die Lage etwas zu beruhigen, willigte ich ein, am Programm teilzunehmen. Durch die Einzelsitzungen und das schrittweise Reduzieren der Alkoholmenge erreichte das Programm zu Beginn, dass mein Konsum zurückging. Im Rückblick waren wohl die regelmässigen Sitzungen das, was mir half. Regelmässig über die Situationen mit jemandem zu sprechen, der nicht nur meinen Fall kannte, sondern auch andere. Kleine Tipps und Hinweise, wie es andere lösen, versuchte ich auch umzusetzen. Leider war das Programm nach einem Jahr zu Ende. Ich sprach mit niemandem mehr über meine neuen Gefahren-Situationen, und es folgte unweigerlich der Griff zum Alkohol. Zuerst wenig, dann immer mehr.

Heute kann ich sagen, dass AA genau das bietet, was mir bereits während der Zeit mit dem kontrollierten Trinken weiter geholfen hat. Mit anderen die Gefahren teilen, gut
zuhören, wie es die anderen lösen. Denn jeder Tag bringt etwas Neues, was noch nie da war; also habe ich mit dem Neuen noch keine Erfahrung, auf die ich zurückgreifen
könnte. Wenn ich am Abend wieder einen alkoholfreien Tag abschliessen kann, so weiss ich heute warum. Denn auch wenn jeden Tag neue Herausforderungen auf mich warten, so bleibt die Lösungsstrategie immer dieselbe.

Glas stehen lassen, Gelassenheitsspruch und auf drei zählen! Ruhe bewahren, auch wenn es schwierig ist. Vielleicht funktioniert bei andern das kontrollierte Trinken ohne Aufsicht; für mich ist heute klar, dass nur absolute Abstinenz mein Weg ist. Daher bin ich zuversichtlich, dass mein Ziel, nach Santiago de Compostela zu pilgern, ebenso mein Weg ist. Immer nachrechnen, ob ein Glas noch drin liegt, damit das Wochenziel erreicht wird, ist zermürbend und hilft auf die Dauer nicht. Diese Selbstkontrolle kann ich nicht aufbringen, da bin ich zu schwach, aber einfach das Glas stehen lassen ohne zu rechnen, das kann ich in der Zwischenzeit. Seit ich regelmässig ein AA-Meeting besuche, bin ich definitiv ein trockener Alkoholiker. Die Aussicht, mit dem Programm des kontrollierten Trinkens ein Leben mit einem genussvollen Alkoholkonsum zu haben, ist eine Illusion. Wer soweit ist, dass er den Alkoholkonsum beherrscht, braucht kein Programm. Wer vom Alkohol kontrolliert wird, der kann alleine mit dem Programm nicht leben! Leider sind das meine Erfahrungen. Ich gönne es jedem, der mit dem Programm und einem genussvollen Umgang mit Alkohol leben kann. Für mich war es nur ein Abschnitt auf dem Weg zur absoluten Abstinenz. Es ist besser so für mich, denn jedes Mal, wenn wieder ein Versuch, mit dem Alkohol zu leben, gescheitert war, war ich dem absoluten Tiefpunkt wieder näher. Bis schliesslich mit der freiwilligen Einweisung in die Klinik (unter sanftem Druck von aussen) mein Leben sich zu ändern begann. Die damals gestarteten Änderungen in meinem Leben haben mich zu AA geführt, und das AA-Programm hilft mir bis heute, das Erreicht zu festigen.

Ich wünsche euch allen trockene vierundzwanzig Sunden, ob mit oder ohne Programm ist nicht wichtig, einfach trocken!

Willi, Frutigen

 


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